Rifampicin
Eremfat®Rifoldin®
Antibiotika – Rifamycine
Rifamycin
Indikation
Tuberkulose — alle Formen und Stadien, immer in Kombination mit mindestens einem weiteren Antituberkulotikum.
Lepra (multibazillär und paucibazillär), zur Konversion des infektiösen in den nicht infektiösen Zustand — ebenfalls nur in Kombination.
MRSA und andere schwerwiegende Staphylokokken-Infektionen, stets mit einem zweiten wirksamen Antibiotikum.
Brucellose, zusammen mit Doxycyclin (bei Kindern unter 8 Jahren mit Trimethoprim/Sulfamethoxazol).
Eradikation bei asymptomatischen Trägern von Neisseria meningitidis und Haemophilus influenzae sowie Prophylaxe der Meningokokken- und Hämophilus-Meningitis. Zur Behandlung dieser Infektionen ist Rifampicin wegen der raschen Resistenzbildung nicht geeignet
Dosierung
Tuberkulose, Erwachsene und Jugendliche über 14 Jahre: 8–12 mg/kg KG täglich — unter 50 kg 450 mg, ab 50 kg 600 mg
Kinder über 3 Monate bis 14 Jahre: 15 (10–20) mg/kg KG täglich, höchstens 600 mg. Für Kinder unter 3 Monaten gibt es keine Dosierungsempfehlung.
Kurzzeittherapie über 6 (bis 9) Monate: zwei Monate Rifampicin, Isoniazid und Pyrazinamid (bei Bedarf zusätzlich Ethambutol oder Streptomycin), dann vier Monate Rifampicin und Isoniazid. Bei zusätzlicher HIV-Infektion 9 Monate.
Lepra: 10 mg/kg KG einmal täglich (450 bzw. 600 mg)
Staphylokokken-Infektionen und MRSA: 600–1200 mg täglich auf 2–4 Einzeldosen; Kinder über 1 Jahr 10 mg/kg (max. 600 mg) zweimal täglich, Säuglinge 5–10 mg/kg zweimal täglich
Brucellose: 600–900 mg einmal täglich abends, zusammen mit Doxycyclin über 5–7 Wochen
Meningokokken-Träger: 600 mg alle 12 Stunden über 2 Tage oder 600 mg täglich über 4 Tage; Kinder ab 1 Monat 10 mg/kg
Haemophilus-influenzae-Träger und Haushaltskontakte: 20 mg/kg einmal täglich (max. 600 mg) über 4 Tage
Wiederbeginn nach Therapieunterbrechung einschleichend: 150 mg am 1. Tag, 300 mg am 2., 450 mg am 3., ab dem 4. Tag die übliche Dosis — dabei Nierenfunktion kontrollieren.
Die Infusionsform ist nur zur intravenösen Gabe bestimmt, nicht intramuskulär oder subkutan; Extravasation vermeiden
Nebenwirkungen
Sehr häufig (2)
— ≥ 1/10
Fieber, Schüttelfrost
Häufig (12)
— ≥ 1/100 bis < 1/10
Anstieg der Gamma-Glutamyltranspeptidase, Anstieg der alkalischen Phosphatase, Anstieg von AST und ALT, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Meteorismus, Paradoxe Arzneimittelreaktion (Wiederauftreten oder Neuauftreten von Tuberkulose-Symptomen), Schwindel, Thrombozytopenie (mit oder ohne Purpura), Übelkeit, Überempfindlichkeitsreaktionen (z. B. Fieber, Erythema exsudativum multiforme)
Gelegentlich (4)
— ≥ 1/1.000 bis < 1/100
Durchfall, Hepatomegalie, Ikterus, Leukopenie
Selten (5)
— ≥ 1/10.000 bis < 1/1.000
Granulozytopenie, Hypoprothrombinämie, Optikusneuritis, Sehstörungen, Visusverlust
Sehr selten (6)
— < 1/10.000
Ataxie, Konzentrationsunfähigkeit, Lupus-ähnliches Syndrom mit Fieber, Muskel- und Gelenkschmerzen und antinukleären Antikörpern, Müdigkeit, Schmerzen in den Extremitäten, Taubheitsgefühl
Nicht bekannt (51)
— auf Grundlage der verfügbaren Daten nicht abschätzbar
Abdominale Beschwerden, Agranulozytose, Akute generalisierte exanthematöse Pustulose, Akuter Nierenschaden durch Tubulusnekrose oder tubulointerstitielle Nephritis, Allergische Dermatitis, Anaphylaktische Reaktion, Blutdrucksenkung, Blutung, Blutungen post partum, Blutungen von Fötus und Mutter, Cholestase, Chromaturie, DRESS-Syndrom, Disseminierte intravasale Gerinnung, Dyspnoe, Eosinophilie, Erhöhte Leberenzymwerte, Erhöhung des Kreatinins im Blut, Erythema multiforme, Flush, Gastrointestinale Störung, Gelbe, orange, rote oder braune Verfärbung der Tränenflüssigkeit und von Kontaktlinsen, Grippeähnliches Syndrom (Flu-like-Syndrom), Hautreaktionen, Hepatitis, Hyperbilirubinämie, Hämolytische Anämie, Interstitielle Lungenerkrankung einschließlich Pneumonitis, Juckreiz mit oder ohne Hautausschlag, Keuchende Atmung, Knochenschmerzen, Muskelschwäche, Myopathie, Nebenniereninsuffizienz bei beeinträchtigter Nebennierenfunktion, Pemphigoid, Porphyrie, Pseudomembranöse Kolitis, Psychosen, Schock, Stevens-Johnson-Syndrom, Störungen des Menstruationszyklus, Toxische epidermale Nekrolyse, Urtikaria, Vaskulitis, Verfärbter Schweiß, Verfärbtes Sputum, Verminderter Appetit, Vitamin-K-abhängige Gerinnungsstörungen, Zahnverfärbungen (möglicherweise permanent), Zerebrale Blutungen bei Fortführung der Therapie nach Auftreten einer Purpura, Ödeme
Kontraindikationen
Überempfindlichkeit gegen Rifampicin oder andere Rifamycine; schwere Leberfunktionsstörungen wie Verschlussikterus, Hepatitis oder Leberzirrhose; Porphyrie.
Kontraindiziert ist außerdem die gleichzeitige Gabe von Arzneimitteln, die von der Enzyminduktion besonders stark betroffen sind: Lurasidon, Sofosbuvir, Saquinavir/Ritonavir, Cabotegravir, Fostemsavir und Lenacapavir
Wechselwirkungen
Rifampicin ist ein potenter Induktor von CYP1A2, 2B6, 2C8, 2C9, 2C19 und 3A4, von UDP-Glucuronyltransferasen, Sulfotransferasen, Carboxylesterasen sowie der Transporter P-Glykoprotein und MRP2. Es beschleunigt damit den Abbau sehr vieler Arzneimittel; beim Beginn und beim Absetzen ist deren Dosis zu überprüfen.
Wirkungsverlust droht unter anderem bei:
· hormonellen Kontrazeptiva — zusätzlich nicht hormonell verhüten, Zyklusstörungen möglich
· oralen Antikoagulanzien (S-Warfarin AUC −74 %) — Quick-Wert überwachen, besonders nach dem Absetzen von Rifampicin
· Immunsuppressiva wie Ciclosporin, Tacrolimus, Everolimus (AUC −33 bis −60 %): Abstoßungsrisiko
· Kortikosteroiden (Prednisolon-AUC −48 bis −66 %) — Achtung Addison-Krise bei Morbus Addison
· Herzglykosiden (−30 bis −54 %), Statinen (Simvastatin −87 %), oralen Antidiabetika (−22 bis −65 %), Theophyllin, Levothyroxin, Losartan, Azol-Antimykotika, Benzodiazepinen, HIV- und Hepatitis-C-Therapeutika
· Methadon — Entzugssymptome möglich
Erhöhte Lebertoxizität: Isoniazid (Bildung hepatotoxischer Metaboliten, besonders bei langsamen Acetylierern), Paracetamol, Halothan, täglicher Alkoholkonsum.
Höhere Rifampicin-Spiegel durch Probenecid und Cotrimoxazol. Antazida vermindern die Resorption — mindestens 1 Stunde Abstand.
Nicht mit Antibiotika kombinieren, die selbst eine Vitamin-K-abhängige Koagulopathie auslösen (etwa Cefazolin und andere Cephalosporine): schwere, auch tödliche Gerinnungsstörungen sind beschrieben.
Vitamin D sinkt im Serum — prophylaktische Gabe erwägen und Calcium, Phosphat und Nierenfunktion kontrollieren.
Labor: Bestimmungen von Vitamin B12 und Folsäure sind unter therapeutischen Spiegeln nicht verwertbar; der Bromsulfophthalein-Test täuscht eine Leberfunktionsstörung vor; Opiat-Immunoassays im Harn werden falsch positiv; Gallenblasenuntersuchungen vor der Morgendosis durchführen
Wirkungsmechanismus
Halbsynthetisches Antibiotikum aus der Gruppe der Rifamycine (Ansamycine), ATC J04AB02. Es bindet an die bakterielle DNA-abhängige RNA-Polymerase und hemmt so die Transkription — die entsprechende Polymerase der Säugerzelle wird nicht blockiert.
Erfasst werden intra- und extrazelluläre Keime. Das Wirkoptimum liegt im neutralen bis alkalischen Milieu, im sauren Bereich — intrazellulär oder in käsigem Gewebe — ist die Wirkung schwächer. Bakterizid auf proliferierende, deutlich schwächer auf ruhende Keime; die Abtötung ist konzentrationsabhängig (AUC/MHK).
Resistenz entsteht rasch und einstufig, bei M. tuberculosis über Mutationen im rpoB-Gen der Beta-Untereinheit der RNA-Polymerase — deshalb niemals Monotherapie. Parallelresistenz besteht zu Rifabutin und chemisch verwandten Substanzen, nicht zu anderen Tuberkulostatika
Dosierung bei Niereninsuffizienz
Niereninsuffizienz: keine Dosisanpassung nötig — auch nicht bei Dialysepatienten.
Leberfunktionsstörung: bei schwerer Einschränkung (Verschlussikterus, Hepatitis, Zirrhose) ist Rifampicin kontraindiziert. Bei leichterer Einschränkung dürfen 8 mg/kg KG pro Tag nicht überschritten werden.
Früh- und Neugeborene: Abbau und Ausscheidung sind wegen der Leberunreife deutlich verzögert, mit erhöhten Serumspiegeln und Kumulation ist zu rechnen — die Richtdosis nicht überschreiten
Schwangerschaft & Stillzeit
Rifampicin überwindet die Plazenta und ist im Nabelschnurblut nachweisbar. Vor Therapiebeginn ist eine Schwangerschaft auszuschließen; während der Behandlung und drei Monate darüber hinaus ist sicher zu verhüten — wegen der Enzyminduktion zusätzlich zur hormonellen Methode auch nicht hormonell.
Kontrollierte Studien an Schwangeren fehlen; in hohen Dosen war Rifampicin bei Nagern teratogen. Im ersten Trimenon nur bei unbedingter Notwendigkeit, danach mit sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung.
In den letzten Schwangerschaftswochen kann Rifampicin die Blutungsneigung von Mutter und Neugeborenem erhöhen — Vitamin-K-Gaben können nötig werden.
Stillzeit: Rifampicin tritt in die Muttermilch über; bei erforderlicher Behandlung ist abzustillen
Halbwertszeit
ca. 3 h (nach 600 mg)
5,1 h (nach 900 mg)
Wirkstoffpeak (tmax)
oral: 2–4 h
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Zuletzt aktualisiert: 12.09.2026
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Quelle: Fachinformation, abrufbar über das Arzneispezialitätenregister
des BASG. Wirkmechanismus und Dosierung bei Niereninsuffizienz sind redaktionelle
Zusammenfassungen. Redaktion: Dr. Maximilian Raidl.